· 

Paris

Jetzt kann die lang ersehnte Reise nach Paris beginnen. Ich habe nun eine Gruppe von Geschenken versammelt. Drei Tage der Reise hatte ich schon 2024 zum Geburtstag geschenkt bekommen. 2025 kam dann noch eine Konzertkarte und die Eintrittskarten für das Musée d'Orsay hinzu. Mit dem Sack Verpflichtungen lässt sich das ganze dann nicht mehr aufschieben, vor allem, weil die Konzertkarte mit einem festen Datum verbunden ist. Nachdem meine Frau zwischen den vielen Enkelterminen und dem anstehenden Rumänienurlaub noch ein paar freie Tage entdeckt hatte, habe ich sofort zugeschlagen und die Reise gebucht. Wir fahren frühmorgens am Donnerstag los. Standesgemäß mit dem Eurostar, der in weniger als drei Stunden in Paris, Gare du Nord ist. Da wir auch den "Plus"-Sitz gebucht hatten, war die Reise sehr komfortabel. In Paris bei bestem Wetter angekommen sind wir zu Fuß den Kilometer zum Hotel gelaufen. Dort hatten wir zunächst etwas Pech, weil man uns ein Zimmer im 1. OG mit Blick auf die Kreuzung vor dem Haus gegeben hatte. Erwartungsgemäß etwas laut. Zum Glück war am nächsten Tag das Zimmer im 4. OG frei, so dass wir umgebucht hatten, die erste Nacht mussten wir aber durchhalten.

 

Der Tag war der Umgebungserkundung gewidmet. Zunächst am Kanal St. Martin entlang, dann zum Place Stalingrad und weiter am Bassin de la Vilette entlang. Am Place Stalingrad entpuppte sich der dortigen historische Rundbau aus dem 18. Jh. als ein Werk des verehrten Christopher Ledoux, der seiner Zeit in den Architekturzeichnungen und kleinen realisierten Bauten weit voraus war. Danach ging es zum Buttes Chaumont, dem Park, dem Louis Aragon in seinem surrealistischen Frühwerk Der Pariser Bauer ein ganzes Kapitel gewidmet hatte, allerdings für einen Nachtspaziergang. Interessant ist, dass hier, ähnlich wie bei uns beim Willy Dohmen-Park ein Steinbruch in einen Park verwandelt wurde. Der zentrale Gips-Felsen bröckelt allerdings, so dass man dort nicht hinkann. Danach stellte sich von weiblicher Seite Hunger und Durst ein, so dass wir am Place Colonel Fabien in einem typischen gastronomischen Betrieb etwas zu uns nehmen konnten. Obwohl es ein relativ einfaches Lokal war, war die Qualität des Essens gut, ich hatte Fisch, da merkt man das doch ziemlich schnell. Zum französischen Bier schreibt man besser nichts. An dem Platz präsentiert sich die zweite architektonische Inkunabel, das (ehemalige) Zentrum der französischen kommunistischen Partei, das von Oskar Niermeyer, dem Architekten von Brasilia, stammt. Großartig die Konzeption mit der versunkenen Kugel und dem bogenförmigen Hochhaus.

 

Nach dem Bezug des Zimmers, das morgens noch nicht fertig war, kam der zweite Rundgang. Diesmal wollten wir am Kanal noch weiter gehen. Zuerst wieder am Bassin, dann über eine Schleusenbrücke aus dem 19. Jh. am Kanal de la Villette entlang zum Park de la Villette, der schon im Studium Thema war. Hier wurde unter der Ägide von Bernard Tschumi ein ehemaliges Schlachthofgelände in einen Park, der viele öffentliche Gebäude enthält, bzw. von ihnen eingerahmt wird, umgewandelt. Hauptthemen sind die ca. 30 "Folies" genannten Gebäude gleicher Kubatur, die unterschiedliche Funktionen aufnehmen. Der Park ist stark von Familien bevölkert. Es gibt ein riesiges Bildungs- und Spielangebot für alle Menschen. Neben der Stadt der Wissenschaft gibt es hier auch die Philharmonie von Paris (Jean Nouvel) ein Musikkonservatorium, ein Musikzentrum und eine Konzerthalle sowie ein 4D-Kino. Beeindruckend die blaue Kiste mit modernen Digitaltheater.

Dann wollte meine Frau noch unbedingt auf den Montmartre. Dank Metro kein Problem. Also rauf und ins Getümmel gestürzt. Königswinter lässt grüßen, obwohl erst März, hat man den Eindruck, dass es noch voller ist, als vor 15 Jahren und dass immer noch die selben Maler für Kundschaft auf dem Platz mit der höchsten Malerdichte der Welt bereitstehen. Also alles absolviert und vom Vorplatz von Sacre Coeur runtergeschaut. Der Blick ist immer noch derselbe, aber immer noch anregend. Danach war natürlich wieder Abendbrotzeit. Die weibliche Wahl fiel diesmal auf ein Lokal "Au Relais" in der Rue Lamarck. Wir saßen stilecht am Tischchen auf dem Gehweg, Wir haben nur einen Gang Ravioli mit Auberginen, Käse überbacken und mit Käsesauce bestellt in der Erwartung, dass man ohne Vor- und Nachspeise nur knapp satt wird. Weit gefehlt, und das bei guter Qualität.... Sehr angenehm und nette Bedienung.

 

 

Danach durch den unteren Montmartre bis zum Pigalle durchgekämpft. Teilweise war viel merkwürdiges Volk auf den entsprechend unappetitlich aussehenden Straßen und die Abendstunden waren voll von vergnügungsbereitem jungen Publikum. An einem offensichtlich angesagten Club war eine gut 100 m lange Schlange (Le Trianon, Bld. de Marguerite de Rocheouart?). Natürlich mussten wir auch am Moulin Rouge vorbeigehen, das war aber erwartungsgemäß nicht so spannend. Die Erfindung des Can Can ist schon verblichen und Jane Avril und La Goule leben schon lange nicht mehr. Es gibt auch keinen begnadeten Maler wie Toulouse-Loutrec oder begnadeten Komponisten wie Jaques Offenbach zur Dokumentation. Von der Place Clichy ging es dann wieder per Metro zurück.

Der nächste Tag 6.3.2026 stand ganz im Zeichen vom Musée d'Orsay, was wir morgens aber noch nicht wussten. Das Frühstück im Hotel war - gemessen an der Erwartung bei einem französischen Hotel - gut, vielseitig und angenehm. Gelähmt haben nur die Kaffeemaschinen, es dauert....Da wir ein Zeitgebundenes Eintrittsticket haben, sind wir früh unterwegs. Die Metro und der RER bringen uns direkt zur Station Musee d'Orly, was schon eine Sehenswürdigkeit ist, weil bei der Konstruktion des Bahnhofs für die Weltausstellung 1889 (wie der Eiffelturm) die gesamte Stahlkonstruktion auf dem unterirdischen Bahnhof steht und dort auch sichtbar ist. Schon beim Bau war die unterirdischen Schienenführung geplant, sonst wäre man gar nicht an den Standort mit der Bahn gekommen. Interessant ist, dass der Bahnhof schon wenige Jahrzehnte später nicht mehr genutzt wurde, weil er für die immer längeren Züge zu kurz war und nicht verlängert werden konnte, im Gegensatz zu den Kopfbahnhöfen. Auch interessant ist, dass für diesen Bahnhof zur Weltausstellung die ersten französischen Elektroloks konstruiert wurden.

 

Das Museum selbst ist begeisternd. Die Umbauten des Bahnhofs wurden sehr zurückhaltend vorgenommen, man sieht überall die alte Eisenkonstruktion. Die Innenarchitektin Gae Aulenti hat hier sicher eins ihrer Meisterwerke vollbracht, zu Recht ist das ein großer Name. Zuerst besuchen wir die Impressionisten, die in einer eigenen Galerie im 5. Stock untergebracht sind. Das Frühstück im Freien habe ich jetzt erst richtig verstanden. Am Ende stellt sich heraus, dass die Hängung weniger nach Künstlergruppen, sondern nach Themen angeordnet ist, so dass man auch im Erdgeschoss bei den entsprechenden Kapiteln Werke von Monet, Manet, Czesanne und Van Gogh findet. So ist die Olympia von Manet in der Abteilung der 1860er Jahre untergebracht. Ich vermute, dass die Galerie im 5. Stock die alte Sammlung des Jeu de Peaume ist. Bei den Impressionisten ist es am vollsten. Überhaupt sind die Spanier hier und in Paris wohl die größte Touristengruppe. Dann kommen die Deutschen (hauptsächlich ältere Paare) und dann die anderen. Wir haben auch viel niederländisch iund Chinesisch wahrgenommen. In diesem Zusammenhang fällt auf, dass in Paris insgesamt (immer noch?) eine Abneigung gegen deutsche Schrift besteht. Dagegen ist Spanisch weit verbreitet. Immerhin werden wir in der Metro auf deutsch auf die üblichen Gegebenheiten hingewiesen. Gegen eins müssen wir dann eine Pause einlegen und gehen ins Café im 5. Stock, das von einem großen runden Glasfenster mit Uhr beherrscht wird. Schöne Dekoration mit goldenen modernen Lampen. Das Restaurant des Museums, das im Kopfbau untergebracht ist, hat mir dagegen nicht gefallen, zu schwerer klassizistischer Stil. Danach auf zur zweiten Runde, die uns dann noch bis kurz nach fünf vor Ort hält. Vieles können wir gar nicht mehr aufnehmen oder übergehen es wie etwa die große Rodin-Sammlung, da ich schon im Rodin-Museum war und hier ausreichend informiert bin. Schön ist die große Art Nouveau-Sammlung vor allem mit Möbeln und Vasen. Bei der Kunst ist bei mir vor allem Aristide Maillol hängen geblieben, auch die große Symbolisten-Abteilung um Odilon Redon war anregend. Umfassend waren Maurice Denise, Emile Bernard und Francois Villon dargestellt. Neu war für ich Francios Pompon.

 

Insgesamt eine umfassende Darstellung vor allem französischer Kunst von etwa 1800 bis 1930. Ausländische Künstler waren nur wenige mit einzelnen Werken vertreten. Aus deutscher Sicht waren etwa Franz von Stuck, Arnold Böcklin, Ludwig Feuerbach, Henry Van der Velde dabei, vor allem in der Art Nouveau-Abteilung. In der Plastik fehlte das Ausland fast vollständig. Die starke Konzentration auf das Französische lässt sich vor allem mit dem Institut des Salons erklären, über den regelmäßig in jedem Jahr Kunst durch den Staat angekauft worden ist, was es in anderen Ländern einfach nicht gab. Auch die Gegensalons, etwa der Impressionisten, haben letztlich zu einer großen staatlichen Sammlung geführt.

 

 

Obwohl wir einen Audio-Guide hatten, haben wir den nicht benutzt. Erstens sind dort nur eine Auswahl von Werken besprochen, also eine gewisse Bevormundung, zweitens sind die besprochenen Texte nur wenig länger als die schriftlichen Erläuterungen bei den Werken. Ich habe es ausprobiert, der Informationsgehalt ist für jemanden mit Vorkenntnissen doch gering. Letztlich waren wir sieben Stunden im Museum. Die Sammlung hätte auch für das doppelte gereicht. Ähnlich wie im Louvre sollte man sich genau überlegen, was einen interessiert. Zurück mit RER/Metro. Der Abend endete damit, dass wir am Bassin de la Villette einige Sandwiches verdrückt haben. 

Der nächste Tag (07.03.2026) war den Stadtspaziergängen gewidmet. Corinna hat das Marais-Viertel als Ziel aufgerufen. Ich konnte sie überreden, einen städtebaulich motivierten Weg dorthin zu nehmen. Unser Hotel liegt nämlich an einer historischen Ausfallstraße (Rue du St. Martin) in der Nähe der Zollgrenze der Stadt in der Mitte des 19. Jh. (Das Gebäude von Ledoux). Wenn man auf dieser Straße immer geradeaus in Richtung Innenstadt geht, kann man die zwiebelartigen Entwicklungringe der Stadt wahrnehmen und man kommt am Hotel de Ville und Notre-Dame raus, es ist eine der historischen Hauptachsen. Man kann beim Laufen sehen, dass im 19. Jh. die Fassade des Gare de l'Est als städtebauliches Ende einer Achse von der Porte Saint Martin aus gebaut worden ist. Die Porte de Martin markiert die Zollgrenze des 17. Jh. Kurz vorher steht das Rathaus des 10. Arrondissements, in dem unser Hotel liegt. Die Mairie ist von 1896, sieht aber aus wie 100 Jahre älter. An der Rue Reamur wird dann der Straßenraum enger und die Gebäude, die bisher alle groß und klassizistisch waren (mit Ausnahme der Kirchen aus der Gotik) werden kleiner und auch teilweise älter. Ich vermute hier den Verlauf einer mittelalterlichen Stadtmauer. Nur wenige Schritte weiter sind wir am Centre George Pompidou. Hier wird gearbeitet, erst im Jahr 2030 soll Wiedereröffnung sein. Auch das Atelier von Brancusi, das ich eigentlich sehen wollte, ist geschlossen und nach der Renovierung wird es kein Atelier mehr sein, die Brancusi-Werke muss ich dann im Centre anschauen, das Atelier ist dann nicht mehr zu besichtigen - schade. Auch der Strawinski-Brunnen ist abgestellt. Einmal um die Ecke gegangen und wir stehen vor dem Hotel de Ville.

 

Nun geht es in das Marais zunächst auf der Rue de Rivoli, dann auf der Rue de Rosiers, die aber nur kurz ist. Das erhoffte "jüdische" Ambiente ist nicht zu sehen, sieht man einmal von einigen Falafel-Läden und der Fassade der Synagoge ab. Nach einer kurzen Snack-Pause in einer Bäckerei trennen wir uns. Weiblicherseits wird die Erforschung der Innenarchitektur der lokalen Geschäftswelt angestrebt. Ich strebe dem Coulée verte René Dumont zu, der hinter der Bastille-Oper anfängt. Dies ist eine ehemalige S-Bahn-Trasse, die auf dem Plus-eins-Nievau liegt. Sie wurde mit dem Bau der Bastille-Oper überflüssig. 1988 wurde sie in einen Linearpark umgewandelt. Sie enthält unterschiedliche Grünbereiche, Plätze und sogar Wasserbecken und viele Ausblicke auf die umliegende Stadt. Ich steige dann am Jardin de Reuly Paul Bernini aus, um durch ein modernes Hochhausviertel zur Metro zu gehen. Damit will ich schnell auf die andere Seite der Stadt, um eines meiner Hauptziele, die Madeleine, zu erreichen.

 

Kleiner Einschub zum Verkehr: Im Verkehr hat sich Paris seit meinem letzten Besuch 2006 sehr gewandelt. Das Verkehrschaos hat sich geändert. Die Metro ist wie sie ist und funktioniert. Nur einmal war sie unerträglich voll, ansonsten ist bei einem 3-min-Takt alles gut verteilt, natürlich waren wir nicht in der Morgenspitze unterwegs. Der große Wandel ist aber im Radverkehr. Es gibt ein dichtes Netz von protected Bike-Lanes, das sehr stark genutzt wird. Ergänzend gibt es mehrere öffentliche Rad- und e-scooter-Angebote. Lastenräder gehören zum Straßenbild und bei den Touristenhochburgen bieten Fahrradrischkas ihre Dienste an, die auch per App gebucht werden können. Der Fahrradhelm hat sich bei etwa der Hälfte der Radfahrer*innen durchgesetzt. Die Befolgung von Verkehrszeichen durch die Radfahrerschaft ist mäßig. Das trifft aber vor allem auch auf die Fußgängerinnen zu. Die Stadt hat fast alle Kreuzungen signalisiert, das wird aber nur als Hinweis verstanden. Diesem französischen Vorbild ist auch meine Frau gefolgt und was bleibt einem dann anders übrig als hinterher zu dackeln. Der Ausbau des Radnetzes hat die Kapazitäten für den MIV stark reduziert. Hinzu kommen Reduzierungen durch Fahrradstraßen und Fußgängerzonen sowie Absperrungen bei touristischen Bereichen. Der Place Charles de Gaulle um den Arc de Triomphe herum war früher achtspurig befahrbar. Heute sind es nur noch fünf, soweit ich beobachten konnte. Die Reduzierungen führen quasi zu einem Dauerstau in einigen Straßen, wie wir gut von unserem Hotelzimmer aus beobachten konnten. Das trifft den Lieferverkehr und vor allem den Busverkehr. Auch Polizei und Rettungsdienste haben so ihre Schwierigkeiten. Dadurch wird natürlich der Radverkehr noch attraktiver. Polizei ist auch mit dem Rad, dem Pferd oder dem Motorrad unterwegs.

Zurück zum Tagesprogramm. Die Madeleine ist zum einen ein städtebaulicher Merkpunkt als Endpunkt der Achse vom Place de la Concorde aus. Zum anderen ist sie eine moderne Staatskirche. Der französische Staat, repräsentiert durch die Monarchie, hat sich immer als Beschützer der katholischen Kirche verstanden. So erklären sich die verschiedenen Progrome und Abschlachtungen Andersgläubiger wie der Katharer und der Hugenotten. Oder aber der Templer, bei denen Kirche und Staat sich zu viel Geld geliehen hatten und dann bringt man die Geldverleiher am besten um, damit man nichts zurückzahlen muss. Spätestens mit der Annexion der Provence avancierte Maria Magdalena dann zur Staatsheiligen. Der Bau der Kirche wurde noch vom Vor-Revolutionskönig Ludwig XV beschlossen. Da es dauerte, konnte Napoleon unter Umgehung des Ergebnisses eines Architekturwettbewerbs den römischen Tempel zum Ruhme der großen Armee bauen lassen. Nachdem die Episode Napoleon zu Ende war, baute man die Kirche dann zu Ende. Als Reliquie organisierte man einen Knochen, den man besichtigen kann. Die Kirche ist großartig, innen etwas überladen. Als ich da war, übte gerade netterweise der Organist. Die meisten Kunstwerke mit MM-Darstellung kannte ich, es gab aber auch neues zu sehen, insbesondere das Deckengemälde "Geschichte des Christentums" von Jules-Claude Ziegler, das vor allem Heilige und Könige darstellt. Hervorgehoben sind MM und Napoleon. Wenn man die Geschichte ein bisschen kennt, weiß man, wie Propaganda gemacht wird, spätestens bei diesem Bild. Es ist übrigens eins der größten Deckengemälde in Europa, was den Künstler krank gemacht hat.

 

Der Weg zum Treffpunkt mit meiner Frau führte dann über die Place de la Concorde, die Tuilerien, das Seine-Ufer wieder zum Hotel de Ville, wo uns eine moderne Blasmusik begrüßte (Meute!). Weiblicherseits wird noch ein Blick auf Notre- Dame gewünscht, die ja vom Hotel de Ville um die Ecke liegt. Also hin auf die Insel, Fotos gemacht und durch die Menschenmassen gedrückt. Vor der Kirche sorgen Drängelgitter für die Kanalisation der Besucher, die Schlange außen ist geschätzte 200 m lang. Auf der einen Seite rein, auf der anderen raus (wir nicht). Wir gehen über die Conciergerie wieder zurück, um noch das Projekt Les Halles zu besuchen. Das Dach ist wirklich komisch und der Sinn erschließt sich nicht. Hier hat der französische Hang zum Monumentalen wahrscheinlich wieder zugeschlagen. Es wäre auch einfacher und bestimmt halb so teuer gegangen und nicht schlechter. Der Park auf dem Dach der unterirdischen Konstruktion ist o.k. und stark begangen. Die Kritik, er sei belanglos, kann von hoher künstlerischer Warte verstanden werden, aber was soll ein Park in der Innenstadt mit dem riesigen Personenaufkommen mit Kunst? Die unterirdische Welt ist interessant, hohe mehrgeschossige Hallen beherbergen viele Einrichtungen, neben Geschäften und Fast-Food-Installationen ein Schwimmbad, Kinos, Bibliotheken und eine Hochschule. Alles in feinstem Sichtbeton. Kann man machen. Warum man da 5 Geschosse unter die Erde muss, weiß ich nicht.

 

 

Um die Ecke gegenüber der alten Börse noch etwas getrunken (Le Nelson's), wir sitzen draußen im 1. OG direkt an der Straßenecke, ein echter Logenplatz in einem Lokal, das eine Deko hat, die an nordafrikanische Gegenden denken lässt. Sehr interessante Toilettenanlage! Gegessen wird dann aber nicht hier, sondern abends im Viertel unseres Hotels, wir haben uns auf koreanisch verständigt und genießen einen koreanischen Feuertopf, hier als koreanisches Fondue verkauft. Nettes Lokal (Bibim House La Fayette). Bei den Lokalen ist nebenbei interessant, dass man entweder ungefragt oder mit der Bestellung eine Karaffe Wasser umsonst bekommt (Kranenberger). Nur wenn man gezielt Mineralwasser bestellt, bekommt man dieses, meistens Perrier oder Vichy und muss dieses dann auch bezahlen. Das hat den Vorteil, dass man von den teuren Getränken, auch Alkohol, nicht so viel trinkt. Die Preissteigerung bei Wein hinterlässt auch hier tolle Stilblüten. Es gibt als Mengeneinheit 0,15 oder sogar 0,12 l, also quasi einen historischen Schluck und schon sind 7 Euro weg. Beim Bier sieht es noch besser aus, man muss nur aufpassen, ob man metrisches Maß oder Pints bekommt.

Der Sonntag (08.03.2026) ist vor allem den Parks gewidmet. Ziel ist zunächst der Park André Citroen, der 1992 auf dem ehemaligen Werksgelände von Citroen realisiert wurde. Ihm vorgelagert ist der Jardin Eugenie Malika Djendi, der auch dem Gedenken an den Golfkrieg gewidmet ist. Ein großes Denkmal zeigt Soldaten und andere Männer, die einen imaginären Sarg tragen. Hier sind frische Blumen niedergelegt. Im Kontext zum aktuellen Nahostkrieg doch sehr schwierig. Dieses Denkmal wurde 2019 von Emanuel Macron für die "Gestorbenen für Frankreich" eingeweiht.

Die Diagonalachsen führt in den Parc André Citroen, der viele Elemente in einer modernen architektonischen Formensprache enthält. Auffällig ist auch hier, dass für die architektonische Ordnung große Mengen von Beton verwendet werden. Es gibt Gewächshäuser, Themengärten, Spring- und andere Brunnen und Freiflächen. Für die Menschen vor allem ein Jogger-Paradies. Überhaupt ist Paris die Stadt der Jogger, eigentlich überall. Schön ist in dem Park aus fachlicher Sicht, dass die Pflanzpläne für die Themenflächen in Bronze präsentiert sind.

Danach geht es an der Seine entlang Richtung Muette / Boulainvilliers. Bei der Freiheitsstatue wechseln wir die Seine-Seite an Radio France vorbei. In Paris gibt es fünf Freiheitsstatuen. Alle gleich, nur unterschiedlich groß. Diese ist die größte in Paris und wurde zur Weltausstellung von amerikanischen in Paris lebenden Bürgern der Stadt geschenkt. Sie schaut flußabwärts, aber in Wirklichkeit genau in die Richtung, in der die Freiheitsstatue von New York steht.

 

Der nächste Park ist dann Jardin Ranelagh, der wie der Buttes Chaumont unter der Haussmann-Ägide geplant und realisiert wurde. Er ist nicht ganz so spektakulär wie dieser. Und schon sind wir im Bois de Boulogne, der große Erholungsraum von Paris. Wir laufen am großen See entlang und gelangen am Pavillon Royal vorbei zur Fondation Louis Vuitton. Hier läuft gerade keine Ausstellung, aber man kann, quasi zur Architekturbesichtigung, rein. Auch hier Sicherheitscheck, wie im Musée d‘Orsay. Man wird einen Treppenturm hochgeführt mit kleinen Ausstellungen im Treppenhaus, um letztlich auf die Terrassenlandschaft zu gelangen. Hier kann man schön die Konstruktion der Außensegel wahrnehmen und natürlich einen Blick auf die Landschaft werfen. Das ganze Projekt ist eine als Architektur getarnte begehbare Riesenskulptur. Architektonische Prinzipien werden, wie häufig bei Gehry, nur beachtet, wenn sie der Realisierung der Gestaltabsicht dienen. Nachhaltigkeit, Sparsamkeit, Zweckmäßigkeit sind nicht nur nicht beachtet, sondern werden offensichtlich absichtlich durch das Gegenteil "überwunden". Ziel ist wohl der "Whow"-Effekt, der auch - sieht man die Menge der Architekturtouristen - bewirkt wird. Es ist eben Werbung einer Firma, die hier viel Geld ausgibt (das sie vorher irgendwoher bekommen haben muss).

 

Schön ist, dass wir für 1,- € mit einem Elektroshuttle bis zum Arc de Triomphe fahren können. Von dort geht es ins Hotel, vorher gibt es noch einen Imbiss am Canal de la Villette. Beim Fußmarsch vom Gare de l'Est geraten wir in die große Demonstration zum Weltfrauentag. So etwas gibt es bei uns nicht, der Zug ist endlos lang, in der Zeitung stehen dann am nächsten Tag 130.000 Personinnen als Teilnehmerinnen. Am Ende des Zuges gibt es eine Truppe, die sich für die Frauenrechte von Israelinnen, Araberinnen, Palestinenserinnen und Iranerinnen einsetzt. Dieser Zugteil wird von einer Spezialeinheit der Nationalpolizei geschützt. Nachdem wir gegessen hatten, waren die immer noch nicht weiter gekommen. Auch von unserem Hotelfenster aus war lange Stillstand, bis offensichtlich die Zugleitung für diese Truppe einen Alternativweg ausgehandelt hatte. Vorneweg die Nationalpolizei, dann ein Sattelschlepper mit den Einheizerinnen, dann die Menschengruppe und hintendrauf 7 Polizeifahrzeuge. Schon imposant. Der Hauptzug kam dann auch langsam voran, so dass wir abends nichts mehr gesehen haben. Nach der Polizei kamen wieder sieben Fahrzeuge der Stadtreinigung, die die Straßen abgespritzt haben.

 

 

Und dann das Highlight, das Konzert von Silvia Perez Cruz. Das Olympia ist eine Veranstaltungslocation im klassischen Stil mit großem Balkon und leicht ansteigenden Sitzreihen, in die 2.000 Personen passen. Diese hat sich schon länger auf Unterhaltungsmusik spezialisiert, alles ist aber gediegen mit Sitzplätzen. Wir sitzen optimal in der 12. Reihe. Silvia ist beeindruckend und hat etwa zweieinviertel Stunde mit Unterstützung eines Streichquintetts und drei Hornisten in wechselnder Personenkombination gespielt und vor allem gesungen. Hauptsächlich spanische Stücke aus ihrem Repertoire, zwei französische Chancons und ein englisches Lied (sounds of silence). Dieses in sehr frischer moderner Jazz-Fassung. Ihre Lieder schwanken zwischen Chancon, spanischer Folklore und Jazz. Schade nur, dass wir so schlecht spanisch verstehen, französisch wäre einfacher gewesen, aber die spanische Community im Publikum war sehr stark. Wir waren beide begeistert und sind in bester Laune wieder zurückgefahren und haben gegenüber unserem Hotel noch einen Drink zu uns genommen. Endlich ordentliches, belgisches Bier!

Am letzten Tag mache ich noch einen Spaziergang am Kanal St. Martin in Richtung Seine. Spannend sind die Schleusen, die Parkgestaltung und der große Tunnel unter der Place de la Bastille, der aber nicht begehbar ist. Ich schaffe es bis zur Seine und mit der Metro zurück, so dass ich rechtzeitig zum Abmarsch zum Bahnhof und sogar noch zu einem Café wieder am Hotel bin. Rückfahrt wie hin.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0